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Deutscher Wohlstand auf dem Rückzug:

Die Wirtschaft wächst, die Unzufriedenheit der Bevölkerung auch.

Mölln, 23.04.2012 Wohlstandswende in Deutschland: Die Wirtschaft wächst, der Lebensstandard steigt, doch die Bundesbürger fühlen sich immer schlechter. Ein wachsender Anteil der Bevölkerung (2002: 33% - 2012: 38%) ist mit der eigenen Lebenssituation unzufrieden und zugleich davon überzeugt, dass die Lebensqualität in Deutschland im Vergleich zu früher „eher geringer geworden ist“. Diese negative Wohlstandsbilanz geht aus einer aktuellen Repräsentativumfrage von 2.000 Personen ab 14 Jahren in Deutschland hervor, die das IPSOS-Institut in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Zukunftswissenschaftler Professor Dr. Horst W. Opaschowski durchgeführt hat.

„Das Wohlstandsdenken in Deutschland hat sich verändert", so Professor Opaschowski. „Das Mehr an materiellen Wohlstandsgütern ist den Bürgern immer weniger wert, weil dabei Zwischenmenschlichkeit und Gemeinwohl auf der Strecke zu bleiben drohen oder gar das persönliche und soziale Wohlergehen der Menschen darunter leidet". Grenzenloses Wachstum geht nach Meinung der Bevölkerung zu Lasten von Natur und Umwelt. Und ständige Lebensstandardsteigerungen belasten die sozialen Beziehungen im Nahmilieu von Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft.

Die IPSOS-Repräsentativumfrage weist nach, dass es nicht die Ärmsten mit den geringsten Einkommen sind, die sich kritisch über den Verlust an persönlicher Lebensqualität äußern. Es ist vielmehr die untere Mittelschicht (43%) mit einem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen von 1.250 bis 1.750 Euro.

Wohlstandsgefälle in Deutschland: Die Landbevölkerung wird ausgegrenzt, jeder Zweite klagt über Lebensqualitätsverluste

Jeder zweite Landbewohner (52% - Großstädter: 31%) beklagt sich über die sinkende Lebensqualität vor Ort. Am meisten bekommen dies Arbeitslose (57%) zu spüren. Auch die 55plus-Generation fühlt sich deutlich mehr (44%) von allgemeinen Lebensmöglichkeiten ausgeschlossen als etwa die jüngere Generation unter 34 Jahren (28%). Die neuen Wohlhabenden sind jung, urban und besser verdienend.

Professor Opaschowski: „Die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung ist nicht in erster Linie eine Geld- und Einkommensfrage, sondern eher eine Verteilungs- und Gerechtigkeitsfrage. Während die meisten Menschen in Großstädten und Ballungszentren gut leben können, müssen immer mehr Landbewohner um das zum Leben Notwendige kämpfen: Die Grundversorgung vom Lebensmitteleinkauf über Bildungs- und Kulturangebote bis zur medizinischen Betreuung ist nicht mehr gewährleistet".

Die wachsende Unzufriedenheit der Bundesbürger ist ein Ausdruck wachsender Ungleichheit. Das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land gefährdet die soziale Stabilität und damit auch das wirtschaftliche Wachstum von Regionen – durch Landflucht und Immobilien- Leerstände auf dem Lande bis zur Mietenexplosion und Wohnungsnot in urbanen Zentren. Über die regionale Verteilung von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland muss neu nachgedacht und entschieden werden. Sonst endet der nationale Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft" im Abgesang „Unser Dorf stirbt aus", weil Läden und Gaststätten, Schulen und Schwimmbäder schließen, der Öffentliche Nahverkehr ausgedünnt wird und die ärztliche Versorgung nur noch im Notfall stattfindet. Wer dennoch bleibt, lebt wegen sinkender Lebensqualität immer öfter am Leben vorbei – und nicht wie die Städter mitten im Leben.

Wachsende Lebensunzufriedenheit der Bevölkerung ist die Hauptursache für Politikverdrossenheit und Wahlverweigerung

Weil nach dem Empfinden der Bevölkerung die Lebensqualität in Deutschland ständig sinkt, gilt Wohlstand ohne Lebensqualität nicht mehr als sozialer Fortschritt. Und auch steigende Einkommen tragen nicht zu höherer Lebenszufriedenheit bei: Eine folgenreiche Entwicklung für Politik und Demokratie. Denn weltweit ist in der internationalen Sozialforschung unbestritten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Lebensunzufriedenheit, Politikverdrossenheit und Wahlverweigerung gibt. Wächst die Unzufriedenheit der Bürger, breiten sich Wechsel-, Protest- und Nichtwähler aus.

Professor Opaschowski: „Trotz Wirtschaftswachstum und höherem Lebensstandard nimmt das subjektive Gefühl zu, dass es mit einem und mit allem bergab geht. Die Menschen fühlen sich schlechter, weil sie einen Teil ihrer Lebensqualität verlieren. Sie lasten dies der Politik an, die gute Zeiten und ‚fette Jahre‘ versprochen hat. Nur: Fett schwimmt oben. Wer darunter liegt, kriegt nichts ab“.

Die politischen Folgen bleiben nicht aus. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Nichtwähler bei den Bundestagswahlen ständig gestiegen (2002: 20,9% - 2005: 22,3% - 2009: 27,8%). Wird – wenn sich politisch nichts ändert – bei der Bundestagswahl 2013 die Wahlbeteiligung einen historischen Tiefstand und das Lager der Nichtwähler 30 Prozent oder mehr erreichen, wenn die Unzufriedenheit der Bundesbürger (2002: 33% - 2012: 38%) auch 2013 weiter wächst?

Es ist schon bemerkenswert: 38 Prozent der Bevölkerung sind nach der aktuellen IPSOSRepräsentativumfrage mit der Entwicklung in Deutschland unzufrieden – genausoviele, wie beispielsweise bei der letzten Landtagswahl im Saarland im März 2012 der Wahl ferngeblieben sind (38%). Unzufriedene Bürger werden wahlmüde und politikverdrossen.

Die Bürger wollen Wohlergehen für alle. „Wohlergehen“ ist der neue Wohlstand mit Zufriedenheitsgarantie

Das Wohlergehen des Landes und der Menschen steht im Zentrum des Lebensinteresses. Wohlergehen heißt: Gut leben können. „Wohlergehen ist Wohlstand mit Zufriedenheitsgarantie“, so Professor Opaschowski. Wer als Politiker Wohlstand für alle verspricht, muss auch Wohlergehen für alle garantieren können. Das ist der neue Wohlstandsmaßstab für das 21. Jahrhundert.

Chart NAWI-D Lebensqualität

Fragestellung zum Chart:

Die Meinungen darüber, ob die Menschen in Deutschland heute glücklicher und zufriedener leben als früher, sind geteilt. Wir haben hier drei unterschiedliche Ansichten. Welcher Meinung können Sie persönlich am ehesten zustimmen?

Ansicht 3:

„Wohlstand allein macht nicht glücklich. Das Konsum- und Anspruchsdenken der meisten Menschen geht zu Lasten von Natur und Umwelt. Und auch die sozialen Beziehungen haben darunter zu leiden. Die Lebensqualität ist eher geringer geworden".

Steckbrief

Die Ergebnisse stammen aus einer computerunterstützten persönlichen Befragung in Privathaushalten, durchgeführt von IPSOS Observer in Zusammenarbeit mit Prof.Dr. Horst W. Opaschowski. Befragt wurden 2.000 Personen ab 14 Jahren in Deutschland vom 19. März bis 01. April 2012.

Über Ipsos

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"Nobody´s unpredictable" ist weltweit das Leitmotiv von Ipsos.

Über Professor Horst W. Opaschowski

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski ist Zukunftswissenschaftler und Berater für Politik und Wirtschaft. Nach dem Studium an den Universitäten Köln und Bonn promovierte er 1968 über die sozialen Folgen der Tourismusentwicklung und entwickelte 1973 im Auftrag der Bundesregierung eine freizeitpolitische Konzeption. Von 1975 bis 2006 war er Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg und bis Ende 2010 Gründer und Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen (ehemals Freizeit-Forschungsinstitut). Opaschowskis Themenschwerpunkte liegen im Bereich der empirischen Zukunfts- und Gesellschaftsforschung.

... und seine Grundlagenforschung

Seit vier Jahrzehnten geht Opaschowski in seinen Forschungen systematisch den Fragen von Wachstum, Wohlstand, Fortschritt und Lebensqualität nach.

1970 untersuchte er den Zusammenhang von Freiheit, Fortschritt und Entwicklung im sozialen Wandel (1).

1974 stellte der Autor den Wachstumsbegriff der westlichen Welt erstmals auf den Prüfstand und kritisierte das Starren auf das Immer-Mehr, das uns „für nicht-ökonomische Wertvorstellungen" und für „sozial und ökologisch nachteilige Folgen" blind macht (2).

1976 machte er klar, dass das Bruttoinlandsprodukt viel über den durchschnittlichen Lebensstandard eines Landes aussagt, doch „kaum etwas über die Lebensqualität" der Menschen, wozu auch das persönliche Wohlergehen gehört. Wenn man aber Lebensqualität erhalten und steigern will, „muss man sie auch messen können" (3).

1994 sagte er eine „Krise der Wohlstandsgesellschaft" (4) voraus und wies auf die wachsende „Angst vor dem Wohlstandsverlust" (5) hin. Seither sind Finanz- und Wirtschaftskrisen zur Normalität geworden und Opaschowskis Forderung lautet: „Wohlstand neu denken!" (6).

Konsequent fordert er 2011 eine Aktualisierung und Erweiterung von Ludwig Erhards programmatischer Formel „Wohlstand für alle" aus dem Jahr 1957. „Wohlergehen für alle" soll „das neue Leitbild der Deutschen" (7) werden.

Über Ipsos Observer

Der Forschungsbereich Ipsos Observer steht für B-Q-C „Better-Quicker-Cheaper“ und hat immer die richtige Antwort auf Ihre Fragen. Ipsos Observer hat den Zugang zu allen relevanten Zielgruppen und Märkten national und international, BtC oder BtB. Für jedes Untersuchungsziel finden wir den passenden Ansatz. Wir befragen bevölkerungsrepräsentativ oder Nischen-Zielgruppen. Wir bedienen uns standardisierter Tools oder erarbeiten exklusive Designs für Sie, online oder offline und national oder international. Unser Leistungsspektrum wird abgerundet durch unser Omnibussystem. Unsere nationalen und internationalen Omnibusse bringen Sie mehrmals wöchentlich, schnell und zielsicher zu Ihren Zielgruppen!

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