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Verschätzt: Wahrnehmung der Deutschen oft abseits der Realität

Hamburg, 14. Dezember 2016. Die eigene Wahrnehmung stimmt oftmals nicht mit der Realität überein. Das zeigt auch die aktuelle Studie „Perils of Perception“ des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos. In 40 Ländern schätzte die Bevölkerung aktuelle Zahlen zur Bevölkerungsstruktur und gesellschaftsrelevanten Themen – und lag dabei teilweise ziemlich daneben. In Deutschland wurde vor allem der Anteil an muslimischen Mitbürgern überschätzt. Die Toleranz gegenüber Homosexualität, Abtreibung und vorehelichem Sex wurde dagegen eher unterschätzt. Auch glauben die Deutschen, dass das Gesamtvermögen in Deutschland viel gleichmäßiger verteilt ist.

Ansonsten liegen wir in Deutschland auch bei anderen Fragen ziemlich daneben, manchmal aber treffen wir auf den Punkt:

1. Aktuelle muslimische Bevölkerung: der prozentuale Anteil an Muslimen in Deutschland wird weit überschätzt. Einer von fünf Menschen (21%) in Deutschland sei muslimischen Glaubens, schätzen die Befragten – in Wirklichkeit ist es jedoch laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge etwa einer von zwanzig (5%). Damit ist der geschätzte Anteil vier Mal höher als die reale Zahl.

2. Zukünftige muslimische Bevölkerung: auch den Zuwachs der muslimisch Gläubigen schätzen wir höher ein. Knapp ein Drittel (31%) würden Muslime 2020 in der in Deutschland lebenden Bevölkerung ausmachen. Tatsächlich wird laut des Pew Research Centers ein Anstieg auf 6,9 Prozent erwartet.

3. Glück: wir denken, unsere deutschen Mitbürger sind weit weniger glücklich als es Studien zeigen. Nicht einmal die Hälfte (45%) der deutschen Bevölkerung würde von sich selbst behaupten glücklich zu sein, schätzten die Befragten. Dabei gaben in einer aktuellen Studie acht von zehn (84%) an, alles in allem zufrieden zu sein.

4. Homosexualität: die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe in Deutschland wird unterschätzt. Wir denken, ein Drittel (33%) der Deutschen würde Homosexualität moralisch nicht vertretbar finden. In Wirklichkeit ist es jedoch knapp einer von zehn (8%).

5. Sex vor der Ehe: wir schätzen einer von fünf (18%) Deutschen sei gegen vorehelichen Sex. Tatsächlich findet einer von zwanzig (6%) das moralisch nicht akzeptabel.

6. Abtreibung: den Anteil an Abtreibungsgegnern in der deutschen Bevölkerung überschätzen wir um knapp ein Viertel (24%). Wir denken vier von zehn (43%) Deutschen empfänden Abtreibung als moralisch verwerflich, wenn es eigentlich nur einer von fünf (19%) tut.

7. Reichtum der ärmsten 70 Prozent: wir überschätzen das Vermögen der 70 Prozent der Bevölkerung, die am wenigsten besitzen. Mehr als ein Viertel (27%) des Gesamtvermögens der Deutschen würden sie schätzungsweise ihr Eigen nennen. Dabei macht der Anteil laut Credit Suisse gerade einmal 12 Prozent aus.

8. Wohneigentümer: in Deutschland gibt es mehr Haus- und Wohnungseigentümer als wir denken. Knapp die Hälfte der Haushalte (45%) wohnt im eigenen Haus oder der Wohnung. Geschätzt haben wir, dass es nicht einmal ein Drittel sei (28%).

9. Kosten der Gesundheitsversorgung: wir schätzen, dass wir 20 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für die Gesundheitsversorgung ausgeben. Darin ist sowohl die private als auch die gesetzliche Krankenkasse eingeschlossen. Tatsächlich ist es laut Weltbank knapp die Hälfte (11,3%).

10. Aktuelle Bevölkerungszahl: die aktuelle Bevölkerungszahl haben wir auf den Kopf getroffen. Aktuell leben in Deutschland 82,18 Millionen Menschen. Unsere Schätzung: 82 Millionen.

11. Zukünftige Bevölkerungszahl: bei der Einschätzung unserer zukünftigen Bevölkerungszahl liegen wir allerdings daneben. Statt eines von den Deutschen geschätzten Anstiegs auf 85 Millionen, wird von der UN prognostiziert, dass die deutsche Bevölkerung bis 2050 auf 74,51 Millionen schrumpfen wird.

Dr. Robert Grimm, Associate Director Ipsos Public Affairs, zu den Ergebnissen:
„Nie zuvor war die Welt transparenter, Wissen greifbarer. Smart Technology gibt uns Zugang zu Schrift, Ton und Bild globaler Medien und enzyklopädischen Datenbanken - zu jeder Zeit und an jedem Ort. Doch die Ipsos-Studie „Perils of Perception“ bestätigt einmal wieder, dass die Diskrepanz zwischen dem, was wir zu wissen glauben und dem, was faktisch ist, groß ist. Menschen sind emotional gesteuert. In einer sich immer schneller vervielfältigenden und immer komplexeren Lebenswelt haben wir das Verlangen nach einfachen Antworten und sind damit zugänglich für Verzerrungen, Unwahrheiten, Simplifizierungen - ‚the Noise‘, wie es der Amerikanische Meinungsforscher Nate Silver nennt. Besonders die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA und das Brexit Referendum in Großbritannien haben gezeigt, wie wenig wir Expertenwissen vertrauen. In der gegenwärtigen postfaktischen politischen Kultur wenden wir uns zunehmend von Wahrheiten ab und geben uns emotional geführten Diskursen hin. Es ist kein Zufall, dass die großen Themen populistischer Bewegungen wie der Anteil von Muslimen in Deutschland auch die Themen sind, bei denen die Antworten der Befragten unserer Studie sich am weitesten von der Wahrheit entfernen.“

Ein Blick auf die übrigen Teilnehmerländer zeigt, dass sich auch dort ordentlich verschätzt wurde:

1. Aktuelle muslimische Bevölkerung: Viele Länder überschätzen ihre muslimische Bevölkerung um ein erstaunliches Maß. Beispielsweise wird in Frankreich durchschnittlich vermutet, dass 31 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind, tatsächlich sind es nur 7,5 Prozent. Auch andere westeuropäische Länder wie Italien (20%/3,7%) und Belgien (23%/7%) verschätzen sich massiv. Die USA und Kanada sind ähnlich ungenau, beide vermuten durchschnittlich 17 Prozent Muslime gegenüber tatsächlichen Zahlen von 1 und 3 Prozent. Am anderen Ende des Spektrums unterschätzen traditionell muslimische Bevölkerungsgruppen ihren muslimischen Bevölkerungsanteil: In der Türkei sind 98 Prozent der Bevölkerung muslimisch, aber die durchschnittliche Schätzung beträgt nur 81 Prozent.

2. Zukünftige muslimische Bevölkerung: Viele der Länder überschätzen auch das Wachstum der muslimischen Bevölkerung in den nächsten vier Jahren. Die durchschnittliche Vermutung in Frankreich ist, dass 40 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2020 Muslime sein werden, die reale Projektion ist lediglich 8,3 Prozent (ein Anstieg von nur 0,8% gegenüber dem aktuellen Niveau von 7,5%). Auch Italien (31%/4,9%) und Belgien (32%/7,5%) überschätzen das Wachstum ihrer muslimischen Bevölkerung stark. Die USA sind sogar Meilen vom richtigen Wert entfernt: mit einer durchschnittlichen Vermutung von 23 Prozent im Vergleich zu der tatsächlichen Prognose von 1,1%.

3. Glück: Durchschnittlich vermuten die Menschen weltweit, dass 44% der Menschen angeben würden glücklich zu sein. Die tatsächliche Zahl ist fast doppelt so hoch, sie liegt bei 86%.

4. Homosexualität: Vor allem in den europäischen Ländern neigen Menschen dazu, die Akzeptanz der Homosexualität  zu unterschätzen. In den Niederlanden wird durchschnittlich vermutet, dass 36 Prozent der Bevölkerung Homosexualität moralisch inakzeptabel finden, wenn es tatsächlich nur 5 Prozent tun. Ein ähnliches Ergebnis findet sich auch in Tschechien (43%/14%) und Spanien (34%/6%).

5. Sex vor der Ehe: Menschen in den Niederlanden unterschätzen am stärksten, wie tolerant ihr Land gegenüber Sex vor der Ehe ist. Im Durchschnitt denken die Niederländer, dass 34 Prozent der Bevölkerung vorehelichen Sex unmoralisch finden würden, die tatsächliche Zahl liegt bei nur 5 Prozent. In der Türkei, wo vorehelicher Sex in hohen Zahlen abgelehnt wird (91%), war die durchschnittliche Vermutung mit 72 Prozent deutlich niedriger.

6. Abtreibung: Bürger weltweit neigen dazu, die Anzahl von Abtreibungsgegnern zu überschätzen. Die Niederländer denken, dass 37 Prozent ihrer Landsleute Abtreibung als unmoralisch betrachten würde, wenn es tatsächlich nur 8 Prozent sind. Ähnlich sieht es in Belgien (31%/6%) und Dänemark aus (26%/4%). Die Italiener liegen mit ihrer Schätzung dagegen fast richtig (44%/41%).

7. Reichtum der ärmsten 70 Prozent: Menschen weltweit überschätzen den Anteil, den die ärmsten 70 Prozent der Bevölkerung am Reichtum eines Landes besitzen. Über alle Länder der Studie hinweg sind im Durchschnitt nur 15 Prozent des Gesamtvermögens im Besitz der unteren 70 Prozent - aber die durchschnittliche Schätzung ist mit 28 Prozent fast doppelt so hoch.

8. Wohneigentümer: Die Anzahl der Menschen, die im selbstgenutzten Eigenheim wohnen wird weltweit geringer eingeschätzt, als es der Realität entspricht. Statt der geschätzten 49 Prozent, leben weltweit mehr als zwei Drittel (68%) der Haushalte in der eigenen Immobilie. In Europa liegen die Spanier am weitesten von der Wahrheit entfernt: statt der geschätzten 56 Prozent wohnen fast acht von zehn Spaniern im eigenen Haus oder der Wohnung.

9. Kosten der Gesundheitsversorgung: Im Allgemeinen denken die Befragten, dass die nationalen Ausgaben für Gesundheit viel höher sind, als es tatsächlich der Fall ist. Über alle Länder der Studie hinweg, glauben die Menschen, dass 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheitsausgaben genutzt wird, tatsächlich sind es nur 8 Prozent. In Europa liegt die Einschätzung um die 10 Prozent zu hoch. Spanien und Polen liegen mit ihrer Schätzung am nächsten und vertippen sich jeweils nur um 4 Prozent.

10. Derzeitige Bevölkerung: Die derzeitige Bevölkerungsgröße ist einer der wenigen Bereiche der Studie, in der die Schätzungen sehr genau waren. In den meisten Fällen verschätzten sich die Befragten höchstens um 5 Prozent.

11. Zukünftige Bevölkerung: Während die Befragten in der Regel die aktuellen Bevölkerungszahlen recht gut einschätzen, ist dies mit den Bevölkerungsprognosen für 2050 nicht der Fall. Die Spanier und die Dänen lagen wie die Deutschen zu hoch bei ihrer Schätzung. Wie die Deutschen prognostizierten sie ein Bevölkerungswachstum anstelle einer Abnahme. Die USA hingegen werden voraussichtlich stärker wachsen, als seine Bevölkerung es vermutet. Die UN schätzt, dass es bis 2050 389 Millionen Menschen in den USA geben wird. Die Amerikaner glauben, dass sie nur 351 Millionen Einwohner haben werden. Mit 38 Millionen liegen sie damit rund 10% daneben.

„Index of Ignorance“: Deutschland schätzt im internationalen Vergleich recht genau

Ipsos ermittelte die Genauigkeit der Schätzungen aller Länder in fünf Kernfragen und konnte so an Hand der Abweichungen den „Index of Ignorance“ bestimmen. Indien erhält die zweifelhafte Ehre, den ersten Rang einzunehmen: die Inder schätzten am ungenauesten. Die Niederlande, Schweden und Großbritannien lagen dagegen am nächsten an der Realität. Auch Deutschland ist im weltweiten Vergleich unter den präzisesten Antwortgebern.

Rang

Land

Einschätzung

1.

Indien

am ungenauesten

2.

China

 

3.

Taiwan

 

4.

Südafrika

 

5.

USA

 

6.

Brasilien

 

7.

Thailand

 

8.

Singapur

 

9.

Türkei

 

10.

Indonesien

 

11.

Kanada

 

12.

Mexiko

 

13.

Montenegro

 

14.

Russland

 

15.

Serbien

 

16.

Philippinen

 

17.

Hong Kong

 

18.

Israel

 

19.

Dänemark

 

20.

Argentinien

 

21.

Frankreich

 

22.

Vietnam

 

23.

Peru

 

24.

Spanien

 

25.

Chile

 

26.

Ungarn

 

27.

Japan

 

28.

Belgien

 

29.

Polen

 

30.

Norwegen

 

31.

Kolumbien

 

32.

Italien

 

33.

Deutschland

 

34.

Australien

 

35.

Malaysia

 

36.

Tschechische Republik

 

37.

Südkorea

 

38.

Großbritannien

 

39.

Schweden

 

40.

Niederlande

am genauesten

Steckbrief

Diese Ergebnisse stammen aus einer Studie, die zwischen dem 22. September und 16. November 2016 unter 28.256 Befragten in 40 Ländern durchgeführt wurde. Teilnehmende Länder waren Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Kanada, Chile, China, Kolumbien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Ungarn, Indien, Israel, Italien, Japan, Mexiko, Peru, Polen, Russland, Südafrika, Südkorea, Spanien, Schweden, Türkei und die USA. In Australien, Brasilien, Kanada, China, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Japan, Montenegro, den Niederlanden, Norwegen, Serbien, Spanien und den USA wurden ca. 1.000 Personen befragt. In den restlichen Ländern wurden jeweils rund 500 Personen befragt. Die Daten wurden mittels einer Kombination von Online-, Telefon- (CATI) oder Face-to-Face-Methoden erhoben. Die Daten werden gewichtet, um dem Profil der Bevölkerung zu entsprechen. Der Index of Ignorance berechnet sich aus den fünf Fragen zu den tatsächlichen Realitäten - Bevölkerungsgröße, muslimische Bevölkerungsgröße, Vermögensungleichheit, Gesundheitsausgaben und Wohneigentum -, weil für diese Fragen Daten aus mehreren Ländern verfügbar waren.
Die "tatsächlichen" Daten für jede Frage werden aus einer Vielzahl von verifizierten Quellen für jede Frage und jedes Land entnommen - eine vollständige Liste der Quellen / Links zu den tatsächlichen Daten kann bei Bedarf angefordert werden.

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Über Ipsos Public Affairs

Der Forschungsbereich Ipsos Public Affairs ist ein leistungsstarker Partner für Politik- und Sozialforschung in Deutschland. Er bietet Auftraggebern aus Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft Einblicke in die Einstellungen und Verhaltensweisen der Bürger. Unsere britischen Kollegen von Ipsos-Mori sind in Großbritannien das führende Institut in der Politik- und Sozialforschung.

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